VORAUSSCHAUEND

UND UMWELTFREUNDLICH

Ohne Netzausbau wird die Energiewende nicht gelingen. Darin sind sich Fachleute einig. Wer den erneuerbaren Energien vom Windstrom bis hin zur Photovoltaik im elektrischen Gesamtsystem die führende Rolle geben will, muss bestehende Leitungen verstärken, Leitungen erneuern und auch neue Leitungen bauen.

Dies gilt für die 50Hertz-Regelzone ebenso wie für die Gebiete aller anderen Übertragungsnetzbetreiber. Beim Bau neuer Leitungen lassen sich Querungen von Waldgebieten nicht verhindern. Bereits heute gibt es insgesamt 548 Kilometer Waldschneisen unter 50Hertz-Höchstspannungsleitungen. Es ist seit vielen Jahren gelebte Praxis, dass die jeweils zuständigen Freileitungsverantwortlichen mit den Waldeigentümern die sinnvollste Bewirtschaftung der Schneisen einvernehmlich vereinbaren. Schon lange ist das im Interesse der Anlagensicherheit einfache Mulchen unter den Leitungen nicht mehr zeitgemäß. Zugleich gibt es große Unterschiede im Umgang mit den Flächen.

Mit dem Ökologischen Schneisenmanagement (ÖSM) bekennt sich 50Hertz zu einer vorausschauenden und umweltfreundlichen Trassenplanung und Bewirtschaftung. Das Prinzip: Die Schneise unter einer Freileitung wird unter Beachtung des sicheren Betriebs so gestaltet, dass dort natürliche Lebensräume entstehen. Von der Planung über die Umsetzung bis hin zur Pflege kann sich eine biologisch und optisch vielfältige Schneise entwickeln.

 

Das Ökologische Schneisenmanagement kann auf Neubau- und auf Bestandstrassen angewendet werden. 2010 hat die Fachhochschule Erfurt diesen Ansatz im Rahmen einer von der Europäischen Union geförderten Studie erforscht und den Mehrwert für Flora und Fauna bestätigt.

50Hertz bewirtschaftet seit 2011 zwei Schneisenabschnitte in Thüringen erfolgreich ökologisch und setzt zudem beim Bau der Südwestkuppelleitung Ökologisches Schneisenmanagement um. Im Februar 2015 wurde beschlossen, Ökologisches Schneisenmanagement grundsätzlich anzuwenden, also auch die bestehenden Schneisen entsprechend zu untersuchen, zu beplanen und zu gestalten.

Die Anfänge sind gemacht. Planer, Forstfachleute und auch kritische Begleiter stehen dem Ökologischen Schneisenmanagement insgesamt positiv gegenüber, sind gespannt auf den weiteren Fortgang und die Erfolge für die Natur. Ein Perspektivenwechsel.

Dr. Helmut Annen | Erfurt | Forstdirektor

DER THÜRINGER

FORSTKENNER

Beim Thema Freileitungsbau durch Waldgebiete hat Dr. Helmut Annen eine klare Meinung: Die beste Lösung ist für ihn, den Wald zu erhalten. Die Zweitbeste, den Wald zu überspannen, und erst an dritter Stelle kommt für den Forstdirektor die ökologische Bewirtschaftung von Schneisen oder aber auch das Anbauen von Kulturen wie Weihnachtsbäumen. Seit 20 Jahren arbeitet Annen in der Thüringer Forstverwaltung. Er kennt sich in den Wäldern hervorragend aus und begleitet faktisch von Beginn an das Thema Ökologisches Schneisenmanagement. "Ich bin sehr gespannt, ob sich in fünf, sechs Jahren ein neues Standortmosaik ergeben hat. Erst dann kann ich sagen, ob es wirklich ein Ökologisches Schneisenmanagement wird“, erklärt der 52-Jährige. Das „Ökologische“ daran müsse sich erst noch beweisen.

Mark Schwimmer | Schalkau | Stadtrat und Revierförster

DER KOMPETENTE

KOMMUNALE

Seit elf Jahren lebt und arbeitet der 41-Jährige in seiner kleinen und sympathisch beschaulichen Stadt am Südhang des Thüringer Schiefergebirges. Wie alle Schalkauer bewegt Schwimmer der Bau der ICE-Strecke nach München, die unmittelbar an seiner Stadt vorbeiführt. Ebenso wie ihn der Bau der Südwestkuppelleitung seit Jahren beschäftigt. Nein, schön seien sowohl die Bahn als auch die Leitung am Ende nicht. Der Eingriff in das Landschaftsbild ist für ihn erheblich. Wenn aber schon eine Schneise durch sein Revier sein müsse, dann sei ihm die ökologisch gemanagte Schneise natürlich am liebsten. Die Artenvielfalt auf der Trasse gewinne am Ende ganz sicher, sagt Schwimmer.

Bodo Degen | Bützow | Landschaftsplanungsbüro biota

DER ENGAGIERTE

PLANER

Pech und Glück kommen im Forst Suckower Tannen bei Güstrow zusammen: Pech, weil der Boden sehr nährstoffarm ist, und Glück, weil sich darauf beispielsweise hervorragend Biotope mit seltenem Sandmagerrasen entwickeln lassen. Nach der ökologischen Gestaltung der Schneise 2015 soll die Fläche in jedem Jahr gepflegt werden. „Ich bin sehr gespannt, wie die Schneise in fünf Jahren aussieht und die Natur unsere Planungen zum Leben erweckt hat“, sagt Degen. Er jedenfalls freut sich schon und ist sehr erwartungsvoll. Interessant sei auch, ob und wie die Güstrower, die Spaziergänger, reagieren. Für Degen ist es zudem keine Frage, dass es zum Ökologischen Management von Schneisen keine sinnvolle Alternative gibt.

Stefan Peschel | Gehren | Forstverwaltung Gehren

DER ORGANISIERTE

MACHER

Seit zweieinhalb Jahren leitet Stefan Peschel den Maschinenstützpunkt der Forstverwaltung in Gehren. Der Stützpunkt mit seinen 56 Forstfachleuten ist auf die Holzernte mit Harvestern und Forwardern spezialisiert. Zusammen mit seinen Leuten hat Peschel im Wesentlichen die Arbeiten für die ökologisch gestaltete Schneise für den dritten Abschnitt der Südwestkuppelleitung ausgeführt. Für Peschel gehören zum Ökologischen Schneisenmanagement möglichst hohe Masten. „Wahrscheinlich mache ich mich unbeliebt mit der Bemerkung: Aber je höher die Masten, desto weniger Eingriff in den Wald ist nötig“, sagt Peschel.

DER UNERMÜDLICHE

WEGBEREITER

Das ökologische Managen von Freileitungsschneisen ist seit Jahren sein Thema. Rocco Hauschild gilt als einer der Wegbereiter für die neuen Herangehensweisen zugunsten von Flora und Fauna. Er plante und leitete die ökologische Gestaltung des zweiten und auch des dritten Abschnittes der Südwestkuppelleitung an.

HERR HAUSCHILD, SIE AGIEREN SEHR ENGAGIERT. SIND SIE MIT DEM ENTWICKLUNGSTEMPO ZUFRIEDEN?

Seit Beginn des Schneisenmanagements – von der Planung bis zu seiner heutigen praktischen Umsetzung – sind wir gut vorangekommen. Und es gibt Dinge, die naturgemäß „wachsen“ müssen.

WAS KÖNNTE BESSER GEMACHT WERDEN, WAS MUSS SICH VERÄNDERN?

Wenngleich unsere Zielrichtung stimmt, reagiert die Natur gern auch mal anders als angenommen, und technische Lösungen lassen sich optimieren. Diese Erfahrungen aus der Umsetzung des ÖSM sind wertvolles Kapital, das wir künftig konsequent nutzen sollten.

WAS WÜNSCHEN SIE SICH FÜR DAS THEMA?

Dass das Ökologische Schneisenmanagement fortgeführt und in enger Zusammenarbeit mit unseren 50Hertz-Regionalzentren weiterentwickelt wird. So können wir Praxistauglichkeit, Akzeptanz und Nutzen für die Natur optimieren.

Eric Neuling | Berlin | NABU

DER KRITISCHE

BEGLEITER

Als Referent für Stromnetze und Naturschutz kennt der 34-Jährige das Thema Ökologisches Schneisenmanagement seit Jahren und beobachtet so gut es die Zeit erlaubt, wie sich 50Hertz und andere Netzbetreiber dem Thema immer mehr nähern.

HERR NEULING, WAS HALTEN SIE VOM ÖKOLOGISCHEN SCHNEISENMANAGEMENT?

Erst einmal muss ich sagen, es wäre natürlich viel besser für die Natur, wenn Gebiete unzerschnitten blieben. ÖSM kann am Ende den Eingriff nicht voll kompensieren. Die Unumgänglichkeit einer Schneise unterstellend ist ÖSM natürlich sinnvoll. Es erhöht die Artenvielfalt. Das ist gut und absolut zu begrüßen.

WAS KÖNNTE AUS IHRER SICHT NOCH BESSER GEMACHT WERDEN?

Für Antworten auf diese Frage ist es eigentlich noch zu früh. Es wird sehr spannend, welche Erfolge sich durch das Ökologische Schneisenmanagement einstellen werden. Dann wird auch darüber zu reden sein, was es vielleicht noch besser zu machen gilt.

ÖKOLOGISCHE ZUKUNFT

AUF BESTEHENDEN TRASSEN

Seit fast einem Jahr arbeitet die studierte Landschaftsplanerin Nadja Kucher intensiv am Ökologischen Schneisenmanagement auf bestehenden Trassen. Aus den Luftbildern und den Laserdaten werden dann Aufwuchshöhenpläne mit Biotopkartierung erarbeitet. Sie bilden die Grundlage der systematischen ökologischen Schneisenbewirtschaftung auf Bestandstrassen, die in den nächsten Jahren in enger Zusammenarbeit mit den Regionalzentren etabliert wird. Die ersten dieser Pläne werden derzeit erstellt.

Doch das passiert nicht von jetzt auf gleich, sondern ist ein Prozess. In den vergangenen Monaten wurden 300 Kilometer Leitungen mit Hubschraubern beflogen. Weitere Flüge folgen im Sommer 2016. Die Hubschrauber sind mit Spezialkameras und Laser ausgestattet. Damit werden Beschafenheit der Flächen, Pflanzenbestand und Aufwuchshöhen erfasst.